Frage: Ist es richtig, dass manche Taten, wie zum Beispiel der Duʿāʾ, dazu führen, dass Allāh das Schicksal ändert?
Antwort: Allāhs Segen sei auf Muḥammad und der Familie von Muḥammad.
Der Duʿāʾ (das Bittgebet) selbst gehört zu Qaḍāʾ und Qadar. Beispielsweise ist ein Mensch arm, da Allāh (سبحانه وتعالى) ihm Armut vorherbestimmt hat. Doch Allāh hat auch bestimmt, dass er Ihn um Versorgung bittet, und Allāh hat bestimmt, dass Er ihn versorgt. Die Armut ist Qadar, der Duʿāʾ ist Qadar und die Versorgung ist Qadar. Der Wechsel der Lage geschieht ebenfalls durch den Qadar Allāhs. Der erste Zustand war Qadar, der Duʿāʾ ist Qadar, und der zweite Zustand ist Qadar. Allāh (سبحانه وتعالى) kann - wenn Er es will - Dinge aufgrund von Bittgebeten ändern und Er kann sie ohne dem Vorhandensein von Bittgebeten ändern – und all dies ist der Qadar Allāhs. So muss man die Aḥādīth über den Duʿāʾ verstehen, die scheinbar sagen, dass es den Qadar verändert.
Wenn ein Mensch krank wird, so hat Allāh für ihn die Krankheit bestimmt und auch bestimmt, dass er Duʿāʾ macht, und genauso, dass er durch diesen Duʿāʾ geheilt wird. Hat sich der Qadar also verändert? Nein, er hat sich nicht verändert. Vielmehr war der Qadar, dass er krank wird, dass er ein Duʿāʾ spricht und dass er durch mittels des Duʿāʾ gesund wird.
حَدَّثَنَا عَبْدُ اللهِ بْنُ صَالِحٍ قَالَ: حَدَّثَنِي اللَّيْثُ قَالَ: حَدَّثَنِي عَقِيلٌ، عَنِ ابْنِ شِهَابٍ قَالَ: أَخْبَرَنِي أَنَسُ بْنُ مَالِكٍ، أَنَّ رَسُولَ اللهِ صلى الله عليه وسلم قَالَ: مَنْ أَحَبَّ أَنْ يُبْسَطَ لَهُ فِي رِزْقِهِ، وَأَنْ يُنْسَأَ لَهُ فِي أَثَرِهِ، فَلْيَصِلْ رَحِمَهُ.
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
Es wurde von 'Anas ibn Mālik überliefert, dass der Gesandte Allāhs (صلّى الله عليه وعلى آله وسلّم) sagte: „Wer möchte, dass ihm sein Lebensunterhalt erweitert und seine Lebenszeit verlängert wird, der soll seine Verwandtschaftsbande pflegen.“
(Quelle: al-Dschāmiʿ as-Ṣaḥīḥ von Muḥammad ibn Ismāʿīl al-Bukhārī al-Dschuʿfī)
Die Pflege der Verwandtschaft (Ṣilat ar-Raḥim) ist eine von Allāh bestimmte Ursache für die Verlängerung des Lebens. Würde man die Verwandtschaft nicht pflegen, so würde das Leben nicht verlängert werden. Doch Allāh hat bestimmt, dass dieser Mensch die Verwandtschaft pflegt, und dass sein Leben dadurch verlängert wird. Die Ursachen sind also Qadar, und die Ergebnisse sind Qadar. Darum sagen wir nicht: Der Duʿāʾ verändert den Qadar. Vielmehr: Der Duʿāʾ ist selbst Qadar. Die Veränderung, die wir sehen, ist nur in unserer Wahrnehmung – im Wissen Allāhs war sie bereits vorher bestimmt. Denn der Stift hat alles niedergeschrieben, bevor die Schöpfung erschaffen wurde. Der Duʿāʾ ist geschrieben, die Krankheit ist geschrieben, die Heilung ist geschrieben, und die Länge des Lebens ist geschrieben.
Darum darf man nicht sagen: „Hätte er kein Duʿāʾ gemacht, wäre er nicht geheilt worden“, oder: „Hätte er seine Verwandtschaft nicht gepflegt, wäre sein Leben nicht verlängert worden.“ Denn Allāh wusste bereits, dass er Duʿāʾ machen wird und dass er seine Verwandtschaft pflegen wird. Und was Allāh wusste, bevor es geschieht, genau das schrieb der Stift nieder. Darum sagen wir: Der Qadar verändert sich nicht – vielmehr gehören Duʿāʾ, das Pflegen der Verwandtschaftsbande und alle Handlungen zum Qadar.
Es gibt Aḥādīth, in denen erwähnt wird, dass der Duʿāʾ den Qadar „abwehrt“. Einige Menschen haben das so verstanden, dass Allāh (سبحانه وتعالى) etwas bestimmt und es dann wegen des Duʿāʾ ändert. Doch dieses Verständnis ist falsch. Der Qadar ändert sich nicht. Die Bedeutung dieser Aḥādīth ist vielmehr: Der Duʿāʾ selbst gehört zum Qadar, und Allāh hat bestimmt, dass dieser Duʿāʾ die Ursache ist, um eine Prüfung oder ein Unglück abzuwenden. Was die Lehre vom Badāʾ betrifft – in dem Sinn, dass Allāh etwas beschließt und es dann ändert, weil Ihm etwas Neues offenbar wird – so ist dies Kufr, denn es würde Allāh ein Unvermögen zuschreiben. Das Badāʾ im richtigen Sinn bedeutet lediglich: das Offenbarwerden (al-Ibdāʾ).
Das heißt, Allāh zeigt Seinen Dienern etwas, was Er offenbaren will, – nicht, dass Ihm etwas verborgen war und Er es erst später erfahren hätte. Allāh hat vor der Erschaffung alles bestimmt; was Er sichtbar macht, ist nur das, was Er von Anfang an wollte. Manchmal stellen die Menschen die Frage:
„Wenn der Mensch kein Duʿāʾ gemacht hätte – wäre er dann geheilt worden?“ Oder: „Wenn er seine Verwandtschaft nicht gepflegt hätte – wäre sein Leben dann verlängert worden?“ Das sind nur hypothetische Gedankenspiele.
In Wirklichkeit wusste Allāh (سبحانه وتعالى) schon vor der Schöpfung, was geschehen wird. Er wusste, dass dieser Mensch Duʿāʾ machen und dadurch geheilt werden wird, und dass jener seine Verwandtschaft pflegen und dadurch sein Leben verlängert wird. Darum darf man nicht sagen: „Wenn er es nicht getan hätte, wäre es anders gewesen.“ Denn Allāh wusste bereits, dass er es tun wird.
حَدَّثَنِي مُحَمَّدُ بْنُ بَشَّارٍ، حَدَّثَنَا غُنْدَرٌ، حَدَّثَنَا شُعْبَةُ، عَنْ مَنْصُورٍ، وَالأَعْمَشِ، سَمِعَا سَعْدَ بْنَ عُبَيْدَةَ، عَنْ أَبِي عَبْدِ الرَّحْمَنِ، عَنْ عَلِيٍّ ـ رضى الله عنه ـ عَنِ النَّبِيِّ صلى الله عليه وسلم أَنَّهُ كَانَ فِي جِنَازَةٍ فَأَخَذَ عُودًا فَجَعَلَ يَنْكُتُ فِي الأَرْضِ فَقَالَ " مَا مِنْكُمْ مِنْ أَحَدٍ إِلاَّ كُتِبَ مَقْعَدُهُ مِنَ النَّارِ أَوْ مِنَ الْجَنَّةِ ". قَالُوا أَلاَ نَتَّكِلُ. قَالَ " اعْمَلُوا فَكُلٌّ مُيَسَّرٌ {فَأَمَّا مَنْ أَعْطَى وَاتَّقَى} ". الآيَةَ.
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
Es wurde von Imām ʿAlī ibn 'Abī Tālib (عليه السلام) überliefert, dass der Gesandte Allāhs (صلّى الله عليه وعلى آله وسلّم) sagte: „Handelt, denn jedem wird erleichtert, die Taten zu verrichten, die ihn zu seinem bestimmten Platz führen, für den er erschaffen wurde.“
(Quelle: al-Dschāmiʿ as-Ṣaḥīḥ von Muḥammad ibn Ismāʿīl al-Bukhārī al-Dschuʿfī)
Das bedeutet: Der Mensch ist auf den Weg gelenkt, den Allāh für ihn bestimmt hat, aber er handelt dennoch aus freiem Willen.
Die Lehre der Dschabrīyah, die behaupten, der Mensch sei gezwungen und habe keine Wahl, ist falsch. Allāh (سبحانه وتعالى) zwingt niemanden. Vielmehr hat Er vor der Schöpfung niederschreiben lassen, was Er bereits wusste, dass es geschehen wird. Das, was wir heute tun, steht geschrieben – nicht weil wir gezwungen sind, sondern weil Allāh es bereits wusste. Der Stift schrieb es nieder, weil Allāh es im Voraus wusste, nicht weil Er uns zwang. Darum: Allāh wusste, was wir wählen werden, aber wir wählen es mit unserem freien Willen. Deshalb sind wir für unsere Handlungen verantwortlich und werden dafür zur Rechenschaft gezogen.
Ein Mensch kann krank werden, und Allāh (سبحانه وتعالى) bestimmt für ihn die Heilung – entweder durch sein Duʿāʾ, oder durch den Arzt und die Medikamente, oder ohne irgendeinen erkennbaren Grund. All diese Ursachen gehören zum Qadar, und auch die Ergebnisse gehören zum Qadar. So heilt Allāh den einen durch sein Bittgebet, den anderen durch sein Handeln und die medizinischen Mittel, und wieder einen anderen ohne sichtbare Ursache. All das ist von Allāh vorherbestimmt.
Darum darf der Mensch nicht sagen: „Wenn die Heilung sowieso vorherbestimmt ist, warum sollte ich dann Duʿāʾ machen oder zum Arzt gehen?“ Denn: Auch der Duʿāʾ gehört zum Qadar, ebenso der Arztbesuch, ebenso das Einnehmen von Medikamenten. Wenn er kein Duʿāʾ macht, war auch keine Heilung für ihn bestimmt. Und wenn er nicht zum Arzt geht, war auch keine Heilung durch den Arzt für ihn bestimmt. Darum muss der Mensch die Ursachen ergreifen, die Allāh für ihn bestimmt hat, und darf sie nicht vernachlässigen mit dem Vorwand: „Der Qadar geschieht sowieso.“ Denn der Qadar ändert sich nicht – aber Allāh hat die Ursachen und die Ergebnisse alle miteinander bestimmt.
Es gibt Aḥādīth, in denen gesagt wird, dass das Duʿāʾ den Qadar „abwehrt“. Ihre Bedeutung ist: Allāh (سبحانه وتعالى) hat vorherbestimmt, dass dieser Diener Duʿāʾ sprechen wird, und dass Er durch diesen Duʿāʾ das Unglück von ihm abwenden wird. Wenn er kein Duʿāʾ sprechen würde, würde das Unglück ihn treffen. Doch Allāh hat vorherbestimmt, dass er Duʿāʾ sprechen wird, und dass das Unglück durch diesen Duʿāʾ abgewendet wird. So ist es im vorangegangenen Wissen Allāhs: Dieser Mensch wird geprüft, dann wird er Duʿāʾ machen, und dann wird das Unglück von ihm genommen. Darum sagen wir nicht: „Der Qadar hat sich verändert.“ Sondern wir sagen: Der Duʿāʾ war selbst Qadar, und die Abwendung des Unglücks war ebenfalls Qadar.
Wenn jemand sagt: „Hätte er kein Duʿāʾ gemacht, wäre das Unglück geschehen“ – dann ist das nur eine hypothetische Annahme. In Wirklichkeit wusste Allāh bereits, dass er Duʿāʾ machen wird, und der Stift hat niedergeschrieben, dass er Duʿāʾ machen und dass das Unglück durch diesen Duʿāʾ von ihm abgewendet wird. So ist es mit allen Ursachen: Der Gehorsam ist eine Ursache für Barakah, die Sünde ist eine Ursache für Strafe, die Pflege der Verwandtschaftsbande ist eine Ursache für ein längeres Leben, und deren Abbruch ist eine Ursache für den Entzug von Barakah. Doch all das ist bereits vorherbestimmt – Allāh wusste es und hat es niederschreiben lassen, bevor es geschah.
Manche Menschen sagen: „Wenn ohnehin alles vorherbestimmt ist, warum soll ich dann Duʿāʾ machen?“ Die Antwort lautet: Der Duʿāʾ selbst gehört zum Qadar. Wenn es für dich bestimmt ist, durch Duʿāʾ geheilt zu werden, dann wirst du Duʿāʾ machen – und die Heilung wird eintreten. Und wenn es für dich bestimmt ist, ohne Duʿāʾ geheilt zu werden, dann wirst du auch ohne Duʿāʾ gesund. Darum darf der Mensch den Duʿāʾ nicht unterlassen mit der Begründung: „Der Qadar geschieht sowieso.“ Denn der Duʿāʾ ist selbst ein Teil des Qadar. Und Allāh (سبحانه وتعالى) liebt es, gefragt zu werden, und liebt es, wenn Sein Diener im Duʿāʾ beharrlich ist.
حَدَّثَنِي مُحَمَّدُ بْنُ بَشَّارٍ، حَدَّثَنَا غُنْدَرٌ، حَدَّثَنَا شُعْبَةُ، عَنْ مَنْصُورٍ، وَالأَعْمَشِ، سَمِعَا سَعْدَ بْنَ عُبَيْدَةَ، عَنْ أَبِي عَبْدِ الرَّحْمَنِ، عَنْ عَلِيٍّ ـ رضى الله عنه ـ عَنِ النَّبِيِّ صلى الله عليه وسلم أَنَّهُ كَانَ فِي جِنَازَةٍ فَأَخَذَ عُودًا فَجَعَلَ يَنْكُتُ فِي الأَرْضِ فَقَالَ " مَا مِنْكُمْ مِنْ أَحَدٍ إِلاَّ كُتِبَ مَقْعَدُهُ مِنَ النَّارِ أَوْ مِنَ الْجَنَّةِ ". قَالُوا أَلاَ نَتَّكِلُ. قَالَ " اعْمَلُوا فَكُلٌّ مُيَسَّرٌ {فَأَمَّا مَنْ أَعْطَى وَاتَّقَى} ". الآيَةَ.
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
Es wurde von Salmān überliefert, dass der Gesandte Allāhs (صلّى الله عليه وعلى آله وسلّم) sagte: „Nichts wendet den Qaḍāʾ ab außer der Duʿāʾ, und nichts vermehrt das Leben außer die Frömmigkeit (al-Birr)..“
(Quelle: al-Dschāmiʿ as-Ṣaḥīḥ von Muḥammad ibn ʿĪsā at-Tirmidhī)
Das bedeutet: Kein Unglück wird abgewendet, außer durch den Duʿāʾ, den Allāh als Ursache bestimmt hat, es abzuwenden. Darum ist der Mensch verpflichtet, aktiv zu sein, Ursachen zu ergreifen und Duʿāʾ zu machen. Und auch dieses Handeln selbst steht im Qadar geschrieben. Darum darf man nicht sagen: „Wenn Heilung für mich bestimmt ist, werde ich sowieso gesund, ob ich Duʿāʾ mache oder nicht.“ Nein – wenn es für dich bestimmt ist, durch Duʿāʾ geheilt zu werden, wirst du nicht gesund, bis du auch tatsächlich Duʿāʾ machst. So sind sowohl der Duʿāʾ als auch die Heilung Teil des Qadar.
Die Menschen unterscheiden sich in ihren Lebensumständen, und was ihnen im Qadar begegnet, ist von Person zu Person verschieden. So kann ein Mensch mit einer schweren Prüfung getestet werden, und Allāh (سبحانه وتعالى) erleichtert ihm den Duʿāʾ und die Zuflucht zu Ihm – und dieser Duʿāʾ wird zur Ursache für die Aufhebung der Prüfung. Ein anderer wird geprüft und findet Hilfe durch Geduld, auch ohne Duʿāʾ – und seine Geduld wird für ihn zum Grund für Lohn. Alles das gehört zum Qadar Allāhs.
Was die Frage der Iḍṭirār (wirklichen Notlage) betrifft: Sie ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Iḍṭirār bedeutet: Der Mensch wird zu etwas gezwungen, das er nicht unterlassen kann und wofür es keine Alternative gibt. Und die Notwendigkeit wird nach ihrem Maß bemessen – der Mensch darf nicht darüber hinausgehen. Manche Menschen halten etwas für eine Notwendigkeit, was in Wirklichkeit keine ist, sondern nur ein Folgen der eigenen Begierde. Darum muss der Mensch Allāh fürchten, sich bemühen, das Verbotene zu meiden, und sich nicht selbst etwas Erlaubtes konstruieren, außer wenn er sich in einer echten Notlage befindet.
Der Qadar verändert sich nicht, und alles, was geschieht, ist bereits bei Allāh (سبحانه وتعالى) niedergeschrieben, bevor es geschieht. Doch Allāh hat sowohl die Ursachen als auch die Wirkungen bestimmt. So gehören der Duʿāʾ zum Qadar, die Heilung zum Qadar, die Pflege der Verwandtschaft zum Qadar und auch die Verlängerung des Lebens zum Qadar. Darum darf der Mensch nicht sagen: „Wenn ohnehin alles geschrieben ist, warum soll ich dann handeln oder warum soll ich Duʿāʾ machen?“ Denn auch dein Handeln und dein Duʿāʾ sind Teil des Qadar.
Der Mensch ist für seine Taten verantwortlich, weil er sie aus eigenem Willen vollzieht – auch wenn Allāh sie bereits wusste und niederschreiben ließ, bevor sie geschahen. Allāh zwingt die Diener nicht, sondern Er wusste, was sie wählen werden, und ließ es niederschreiben. Darum muss der Muslim das Gute anstreben, viel Duʿāʾ machen, die erlaubten Ursachen ergreifen und das Verbotene meiden. So handelt er nach dem, was Allāh ihm befohlen hat, und sein Herz findet Ruhe, während er die ganze Angelegenheit Allāh (سبحانه وتعالى) überlässt.
Und Allāh weiß es am besten und ist weiser.
Fatwā Nr.: 324 / Quelle: Frage-Antwort-Runde vom 15.12.2022
