
Im Namen Allāhs, des Allerbarmers, des Gnädige
Allāh im Jenseits „sehen“
Alles Lob und Preis gebührt Allāh, dem Herrn der Welten und Sein Segen und Heil seien auf dem geehrtesten der Propheten und Gesandten, Muḥammad, dem Sohne ʿAbd Allāhs, und auf seiner gereinigten Familie, seinen gesegneten Gefährten und auf all jenen, die ihnen im Guten bis zum Jüngsten Tag folgen.
Uns erreichte eine Reihe von Aḥādīth, die behaupten, dass die Diener ihren Herrn am Tag der Auferstehung sehen werden. In diesen Aḥādīth wird zudem überliefert, dass Allāh Seinen Dienern in einer Gestalt erscheinen werde. Diese Überlieferungen wurden von Menschen überliefert und in die Ḥadīth-Sammlungen eingetragen. Die meisten Menschen nahmen diese Aḥādīth zustimmend an und glaubten daran, dass sie Allāh am Tag der Auferstehung mit ihren Blicken, also mit den Augen, sehen würden.
Doch in Wirklichkeit enthalten diese Aḥādīth, so zahlreich sie auch sein mögen, einen klaren, offensichtlichen und eindeutigen Widerspruch zu den eindeutigen Āyāt des Qurʾān. Allāh sagt:
لَا تُدْرِكُهُ الْأَبْصَارُ وَهُوَ يُدْرِكُ الْأَبْصَارَ وَهُوَ اللَّطِيفُ الْخَبِيرُ
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
„Die Blicke erfassen Ihn nicht, doch Er erfasst die Blicke. Und Er ist der Feinfühlige, der Allkundige.“
(Quelle: Der edle Qur’ān, Sūrah al-Anʿām [6], 'Āyah 103)
Die „Blicke“ sind dabei zweierlei: Zum einen sind es die Sehorgane, also die Augen im Kopf, und zum anderen sind es die Herzen. Allāh sagt:
فَإِنَّهَا لَا تَعْمَى الْأَبْصَارُ وَلَٰكِنْ تَعْمَى الْقُلُوبُ الَّتِي فِي الصُّدُورِ
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
„Denn wahrlich, es sind ja nicht die Augen, die blind sind, sondern blind sind die Herzen in der Brust.“
(Quelle: Der edle Qur’ān, Sūrah al-Ḥadsch [22], 'Āyah 46)
Das Sehen mit den Blicken, also mit den Augen im Kopf, ist das Sehen, das wir kennen – die sinnliche Wahrnehmung der Augen. Wenn jedoch davon die Rede ist, dass Allāh mit den Herzen „gesehen“ wird, dann ist damit in Wirklichkeit die Erkenntnis über Allāh, den Majestätischen und Erhabenen, gemeint, nicht das angebliche Sehen Seines Selbst mit den Augen. Das Erfassen durch die Herzen stellt somit die Erkenntnis über die Eigenschaften Allāhs dar. Allāh, der Majestätische und Erhabene, hat das Erfassen Seines Selbst durch die Blicke eindeutig verneint und damit auch das Erfassen Seines Selbst mit den Augen ausgeschlossen. Zugleich hat Er jedoch nicht die Erkenntnis Seiner Eigenschaften durch die Herzen verneint. Auf diese Weise „sehen“ die Herzen Allāh, ohne Ihn zu erfassen.
Die Aussage „Die Blicke erfassen Ihn nicht“ bedeutet folglich: Die Augen sehen Allāhs Selbst nicht. Der Mensch erfasst ohnehin nur einen Teil des sinnlich Wahrnehmbaren und erst recht nicht das Verborgene. Dennoch behaupten diese Aḥādīth, dass die Augen Allāh am Tag der Auferstehung sehen würden. Doch Allāh hat die Fähigkeit der Menschen, Sein Selbst zu erfassen, zu jeder Zeit absolut verneint. Sie können Ihn weder im Diesseits noch im Jenseits erfassen oder sehen. Allāh sagt:
وَلَمْ يَكُن لَّهُ كُفُوًا أَحَدٌ
Gemäß der ungefähren Übersetzung der Auslegung des Übersetzers:
„Und es gibt niemanden, der Ihm gleich ist.“
(Quelle: Der edle Qur’ān, Sūrah al-Ikhlāṣ [112], 'Āyah 4)
Diese Aḥādīth wurden von Menschen überliefert, die in Madīnah den Islām annahmen, während die oben genannte Āyah mekkanisch ist. Das bedeutet, dass eine deutliche Zeitspanne zwischen der Offenbarung dieser eindeutigen Qurʾān-Āyah und dem Auftreten jener Aḥādīth liegt. Ist es denkbar, dass die Muslime in dieser Zeitspanne an einer angeblich „falschen ʿAqīdah“ festhielten, nämlich daran, dass Allāh weder im Diesseits noch im Jenseits gesehen wird? Und ist es denkbar, dass erst später eine Klarstellung oder Einschränkung gekommen sei? Das ist unmöglich. Eine solche Behauptung würde bedeuten, den edlen Qurʾān zu beschuldigen, unklare Glaubensurteile zu enthalten. Darüber hinaus bedeutet die Behauptung, Allāh werde am Tag der Auferstehung mit den Augen gesehen, nichts anderes, als Ihm einen Körper zuzuschreiben. Damit wird Allāh vermenschlicht und Ihm werden Eigenschaften der Geschöpfe zugeschrieben, denn nur ein Körper kann von Augen gesehen werden.
Und Allāh weiß es am besten und ist weiser.
